Durchführung eines narrativen Interviews

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Durch ein narratives Interview, das zu den qualitativen Interviews gezählt wird, können biografischen Daten, historische Ereignisse oder die Lebensgeschichte des Befragten in Erfahrung gebracht werden. Hintergrund ist meist eine konkrete Forschungsfrage, die du in Kombination mit dem Interview beantworten möchtest. Im Mittelpunkt stehen dabei die Perspektive der interviewten Person auf ihre Erlebnisse und deren subjektive Erfahrungen. 

Mit einem narrativen Interview kannst du auf Lebensereignisse der Befragten und ihr Handeln in ihren zeitlichen Zusammenhängen rückschließen oder auch geschichtliche Themen mit Perspektiven aus der Sicht von heute rekonstruieren. Möglicherweise führt deine Interviewführung zurück in die Geschichte, zum Beispiel zu einem der beiden Weltkriege, der Teilung Deutschlands mit dem Mauerfall oder es bietet sich ein anderes interessantes Thema für ein narratives Interview an. 

Zusammenfassend verfolgst du diese Ziele mit einem narrativen Interview:
  • Du filterst subjektive Erfahrungen der befragten Personen zu bestimmten Ereignissen heraus.
  • Anschließend setzt du diese Erfahrungen in Beziehung zu tatsächlich stattgefundenen Ereignissen, um neue Hypothesen und Annahmen zur Beantwortung deiner Forschungsfrage abzuleiten.


Aufbau und Ablauf

Bei einem narrativen Interview handelt es sich nicht um das typische und gewohnte Frage-Antwort-Interview. Der Unterschied besteht darin, dass die Anteile des Gesprächs anders verteilt sind. Meist erfolgt vom Interviewer eine Erzählaufforderung, der der Befragte im Idealfall gerne nachkommt. 

Du führst das Interview durch und gerätst automatisch in die Rolle des Zuhörers, ohne dass du allzu viele Fragen stellst oder ein Nachfragen erforderlich wird. Selbstverständlich kannst du die Richtung des Interesses vorgeben, noch bevor die interviewte Person ihre Erzählung startet. Allgemein gliedert sich ein narratives Interview in folgende fünf Phasen:
  1. Erklärungsphase
  2. Beginn und Erzählaufforderung
  3. Erzählphase
  4. Nachfragephase 
  5. Analyse, bzw. Bilanzierung 


Erklärungsphase

Du musst dem Befragten deutlich machen, dass ihm kein klassisches Frage-Antwort-Interview bevorsteht, sondern dass er völlig frei, losgelöst und weitestgehend ohne Unterbrechungen aus seinem Leben erzählen kann. Bedenke dabei, dass du erst das Interview beginnen und eventuell aufzeichnen kannst, wenn dir dein Interviewpartner seine Einverständniserklärung gegeben hat. Signalisiere deiner befragten Person, dass auf Wunsch ihr Name abgeändert oder sogar innerhalb des Interviews anonymisiert werden kann, so dass ihr keine Nachteile entstehen. 


Beginn und Erzählaufforderung

In diesem Abschnitt findest du den Einstieg in das Interview, vielleicht sogar mit einer konkreten Eingangsfrage. Dein Interviewpartner stellt beispielsweise dar, woran er gerade arbeitet und welcher Aspekt und welche Frage, zum Beispiel im Bereich der Sozialforschung, für ihn relevant und interessant ist.

Auf diese Weise gibst du der befragten Person eine Richtung für seine Äußerungen und Schilderungen vor. Gegen Ende dieser Phase solltest du die Einstiegsfrage stellen, um das Interview beginnen zu lassen. 

Beispielsweise könntest du das so gestalten: Deine Abschlussarbeit beschäftigt sich mit der Holocaust-Vergangenheit Deutschlands während des zweiten Weltkriegs. Dafür möchtest du einen Zeitzeugen mit seinen seine Erfahrungen mit dem Thema Antisemitismus zu Wort kommen lassen. 

Erzählaufforderung: „Lieber Herr XY, im Rahmen meiner Arbeit beschäftige ich mit den antisemitischen Erfahrungen von den Zeitzeugen aus dem zweiten Weltkrieg. Welche antisemitischen Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gemacht, bzw. wie sehen Sie das zurückblickend?“ 


Erzählphase

Während der Erzählphase solltest du die befragte Person so lange erzählen lassen, bis sie von selbst das Interview beendet. Räume deinem Interviewpartner auf jeden Fall auch längere Pausen ein, damit das Interview nicht in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Gönne ihm ebenfalls Zwischenfragen, die du dann beantworten solltest. 

Tipp: Entwickle vorab keinen Leitfaden oder eine bestimmte Methode, nach der das narrative Interview durchzuführen ist. So erhält die erzählende Person jeden Freiraum, um über die gewünschte Thematik und Ereignisse subjektiv nach Belieben zu erzählen. 


Nachfragephase

Der Nachfrageteil gibt dir als interviewende Person die Möglichkeit nachzufragen, falls Situationen unklar sind oder du den Darstellungen, Beschreibungen oder Ausführungen des Befragten nicht folgen konntest. Außerdem kannst du ergänzende Fragen stellen, wenn wichtige Aspekte zur Beantwortung der Forschungsfrage noch nicht behandelt wurden. 


Analyse und Bilanzierung

Diese Phase bildet den Abschluss des Interviews, wobei du dich mit dem Interviewten noch einmal über die gegenseitigen Eindrücke unterhalten kannst. Meist war es für beide Parteien das erste narrative Interview, aber bei entsprechender Aufmerksamkeit kann die Datenerhebung und Analyse sehr gewinnbringend sein.


Die Auswertung des narrativen Interviews

Wie bei allen Typen des Interviews, musst du auch hier zur Auswertung erst einmal eine Transkription vornehmen. Das gesprochene Interview verfasst du dafür schriftlich und fügst es dem Anhang deiner Arbeit bei. Eigentlich ist das ohnehin bei einer Arbeit meist vorgeschrieben, aber es ist auf jeden Fall zu empfehlen. Dadurch hast du die Möglichkeit, eventuell bei der Haupterzählung oder Stegreiferzählung noch einmal wichtige Informationen herauszuziehen. Darüber hinaus lassen sich die Ausführungen der Befragten nach bestimmten Kategorien einordnen und du kannst stets auf bestimmte Auszüge verweisen. 

Grundsätzlich wird zwischen zwei Formen von Ereignissen unterschieden:
  1. Die realen Ereignisse, die zu einem gewissen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort stattgefunden haben.
  2. Die im Interview durch die erzählende Person rekonstruierten Ereignisse.
Du musst davon ausgehen, dass in einem narrativen Interview die tatsächlichen Ereignisse und Erfahrungen sehr subjektiv dargestellt werden. Auch wenn eine Person ein bestimmtes Ereignis selbst erlebt hat, ist die Schilderung in einem narrativen Interview immer rekonstruiert. Es liegt nun an dir Ereignisse und Erzählungen nachzuempfinden und den Unterschied zwischen dem tatsächlichen Ereignis und der Rekonstruktion herauszufinden.


Vor- und Nachteile des narrativen Interviews

Vorteile
  • Du kannst aus der Untersuchung der Ergebnisse deines Interviews selbst neue Hypothesen für deine Forschungsfrage aufstellen. Somit musst du keine schon bestehenden Annahmen überprüfen.
  • Du beschäftigst dich nicht mit Alltagstheorien, sondern nimmst als forschende Person aktiv am hohen Teil der Praxis teil. 
Nachteile
  • Durch die starke Subjektivität könnten die gewonnenen Daten aus der Erhebung nur schwer eingeordnet und die Ergebnisse eventuell verwässert werden. 
  • Du musst dich darauf verlassen, dass die Befragten nach Möglichkeit sehr detailliert und zusammenhängend erzählen, weil sie dir zur Untersuchung deiner Forschungsfrage relevante Informationen liefern sollen.
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Patricia Schulz
Patricia ist unsere Social Media Assistentin und verantwortet für die sozialen Netzwerke und Profile von studi-kompass. Sie ist immer für spannende und witzige Ideen offen. Nebenbei beschäftigt sie sich mit Content für unseren Blog und kreiert die Artikel zu den wissenschaftlichen Themen.